Jenseits verloren

Promt was: 'After you and Death had a bad break up, he/she told you he/she would never come back to you. Two centuries later and, true to his/her word, he/she still hasn't come for you'

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Der Geruch von Formaldehyd, war das erste, was ich an ihr wahrnahm. Er war jedoch nicht so abstoßend, wie ich ihn aus der Schule in Erinnerung hatte. Bei ihr war es viel mehr ein angenehmer Hauch von Parfum, wie es jede andere feine Dame, in den gehobenen Vierteln der Stadt trug. Ihr war es damals jedoch sehr unangenehm, als ich sie während dem Essen darauf ansprach. Im Boden wäre sie versunken, hätte ich ihr nicht wiederholt versichert, dass es zu ihr passt und ich es ganz charmant finde. Auf die Frage hin, wie sie denn ein so ungewöhnliches Wasser tragen kann, erwiderte sie, dass das Schicksal sie in die wissenschaftlichen Sammlungen des British Museums verschlagen hat und dass sie auch des Öfteren von Inspektoren zu Rate gezogen werden, um sich Verstorbene anzusehen. Eben jene hatte sie sich des Morgens noch ansehen müssen. Ich schob dieses Thema jedoch geschwind beiseite, schließlich waren wir beim Abendessen in einem der gehobenen Lokalitäten Londons.

Nach einigen Komplimenten begann sie aufzublühen und wir verbrachten einige der schönsten Tage und Wochen meines langen Lebens zusammen.

Es kam jedoch leider wie es kommen musste. Ich enttäuschte sie, wie jede Person, die ihr Vertrauen zu lange in mich steckte. Dieses schwarzhaarige schüchterne Mädchen musste mit ansehen, wie ich eines Tages einen fünfjährigen Knaben in die Katakomben unter der Polizeistation brachte. Zerfetzt von einer Kugel, welche ich angefeuert hatte.
Der König oder einer seiner höheren Untergeben hatte eine Aussage getätigt, welche die Arbeiter der Docks erzürnt hat. Daraufhin probten sie den Volksaufstand, wie ihn wenige Monate zuvor die Franzosen bereits. Bloß hatten in London die Aristokraten Angst um ihr Hab und Gut, deshalb bestachen einige die Kommandanten von Militäreinheiten. Ich war damals Teil einer Schützeneinheit, eine Profession, auf die ich gut und gerne verzichtet hätte. So kam es leider, dass uns befohlen wurde, angeblich von der Admiralität höchst selbst, das Vorrücken der Aufständischen zu stoppen.

Bis heute stellt sich mir die Frage, ob die Krone selbst von diesen Befehlen wusste.
Jedenfalls endete dieser blutige Tag damit, dass ich in einem Keller stand, in den Armen ein verblutender Fünfjähriger und vor mir die Liebe meines bisherigen Lebens. Zu erst war es Unverständnis in ihren Augen, dann Sorge und schließlich Konzentration, als sie alles Menschenmögliche tat, um dem Jungen das Leben zu retten. Doch reichte das nicht. Die letzten beiden Minuten des Kleinen verbrachte sie damit ihn auf die bevorstehende Reise vorzubereiten. Zwischen den blutigen Laken und Leinen, saß ich am Boden und winselte, dass ich all das nicht wollte, dass er mir zwischen Lauf und und eine Mauer gerannt ist.
Erst nach dem sie meine kläglichen und weinerlichen Entschuldigungen hörte, schien sie zu begreifen. Die Trauer und Tränen wichen aus ihrem Blick er wurde klar vor Entsetzen und dann Wut, eine Woge, welcher die Arbeiter auf den Straßen neidisch gewesen wäre. Doch keine laute tosende Wut, vielmehr wie das Meer. Spiegelglatt und unendlich tief. So tief, das jeder, der darin versinkt auf ewig verschlungen wird von der Dunkelheit. Irgendetwas hielt sie jedoch zurück. Ich verschwand nicht in der Dunkelheit auf ewig allein. Einzig sechs Worte drangen aus ihrem Mund. Gepresst und jedes einzelne kondensierte das, was ich schon ahnte. 'Ich werde dich nie wieder sehen.'. Ein Satz, nein, ein Beschluss, so stark, dass Moses ihn vom Berg Sinai herunter getragen haben könnte. Ich wusste es in diesem Moment. Egal wie sehr ich es versuchen würde, an diesem neuem Grundgesetz der Welt würde es kein Rütteln geben.

Das änderte jedoch nichts daran, dass ich es nicht versucht habe. Die folgenden Monate suchte ich nach ihr, fragte im Museum nach Felicia Mawt und hinterließ ihr an der Bank im Park nach der Kirche ihre Lieblingsblumen.

Das sich alles geändert hatte merkte ich erst später. Ich trat aus der Armee aus und verbrachte meine Zeit damit in der Gebäude zu entwerfen. Irgendwann wurde ich dann als Architekt einer Wüstenstadt südlich der Sahara ausgewählt.
Mein Fahrer entschloss sich leider dazu, dass die Stadt nicht von Nöten war und meine Wertsachen ihm viel mehr brachten. Er schlug mich nieder und ließ mich mitten in der Wüste zurück. Mein Bewusstsein muss erst wieder zurückgekehrt sein, als sich mein Körper über den Wassermangel beschwerte. Es müssten vier Tage gewesen sein, in denen ich in der Wüste herum irrte, bis ich elektrisches Licht in der Ferne sah.
Die Ärzte sagten, dass ich hätte tot sein müssen. Kein Mensch könnte so dehydriert noch laufen sollen.

Um mich von dieser traumatischen Odyssee zu erholen rief mich mein Architekturbüro zurück nach London. Zu meinem Pech geriet das Schiff in einen Sturm, welchem es nicht standhielt. Meine letzte Erinnerung an das Boot war knarzendes Holz, reißendes Metall und das Brechen der Wellen über meinem Kopf. Erneut blieb ich die meiste Zeit bewusstlos. Ein anderes Boot, das den Sturm besser überstanden hatte, kam uns zu Hilfe. Eine Woche später. Sie waren der Meinung nur Leichen zu bergen, bis sie mich an Bord hievten.

Das war die Zeit, in der ich realisierte, wer ich nun war. Ein Unsterblicher. Ich muss gestehen, dass ich Experimente an mir selbst durchführte, um meine Grenzen auszuloten. Wunden heilten wie bei den meisten Menschen. Normalerweise Tödliche dauerten länger. Mit der Zeit verschwanden dann die Narben. Nur wuchsen keine abgetrennten Körperteile nach. Beweis ist das nicht Vorhandensein meines rechten kleinen Zehs. Der linke wuchs jedoch wieder an, nachdem ich ihn wider annähte.
Das diese "Gabe" von dem Umstand herrührt, dass mich die größte Liebe die ich kannte verließ, verstand ich nicht auf Anhieb. Jedes Mal wenn ich sterben hätte sollen, erschien mir ihr Gesicht und ihre Worte hallten wieder. 'Ich werde dich nie wieder sehen'.
Ungefähr fünfzig Jahre später verstand ich es. Sie war der Tod. Der Sensenmann. Der Fährmann. Wie viele Gestalten die Menschen auch kennt. Immer gibt es jemanden der den Tod verkörpert. Und ich bin davon überzeugt, dass sie es ist.


Das war nun einige Zeit her. Heute stehe ich am Abend vor dem Anbruch des neuen Jahrtausends auf dem Dach eines Hotels in der einstigen Straf- und Gefängniskolonie. Hunderte Menschen versammelt auf den Straßen und Inseln der Stadt. In Unison zählen sie herunter und bereiten sich auf eine neue Zeit vor. Eine Zeit die so viele Versprechungen birgt. Für mich hingegen eine weitere Erinnerung an meine unsterbliche Sterblichkeit. Das vereinzelt mitgebrachte Feuerwerk zündet zu früh und die Menschen sind aufgebracht. Doch dann. Sie zählen wieder. Nur noch zehn. Neun. Acht. Die Musik wird lauter. Sieben. Sechs. Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eine Hand legt sich auf meine. Eins. Ich Blicke zur Seite. Null. Das Feuerwerk füllt den Himmel mit bunten Lichtern. Sie ist wieder verschwunden.