Teil 4 der Sammlung "Der Markt"

Ezeks Ankunft

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"Landung in 2 Minuten". Die krächzende Stimme des Piloten über das Interkom riss Ezek aus seinen Tagträumen. Signalleuchten warfen ihren roten Schein durch den zum Personentransporter umfunktionierten Laderaum des Frachters. Gemurmel und Geraschel begann, die Passagiere packten ihre Habseligkeiten um bei der Ankunft rasch von Board gehen zu können. Sein eigener Beutel lag immer noch auf dem Sitz neben ihm. Viel Gepäck hatte er nicht bei sich, er hatte nicht vor viel Zeit auf dem Markt verbringen. Er war auch nicht hier um Waffen zu kaufen oder Leute anzuheuern. Er war hier um Antworten auf ein paar quälende Fragen zu erhalten. Warum ein angesehener Firmenbesitzer auf Taurus V so plötzlich verschwinden kann ohne Spuren zu hinterlassen, zum Beispiel. Oder warum seine Frau lieber ihn beauftragte als sich an SecControl zu wenden.

Jemand stieß ihn von hinten im Gedrängel an. Instinktiv legte sich seine Hand auf seinen um die Schulter gehängten Beutel und drückte ihn an seinen Körper. Ein kleiner Glatzkopf drängte sich hastig an ihm vorbei. Er entspannte sich wieder. Niemand, der ihn beklauen wollte, nur jemand der es eilig hatte. Der Mann drehte Ezek im Vorbeigehen kurz sein Gesicht zu, was als Entschuldigung wohl ausreichen musste. Nicht mal die Augenaugmentation, die sich als silberner Bügel über die Augen des Mannes legte konnte verbergen, wie er sich wohl fühlte. Stress, Nervosität, ja, pure Panik standen ihm ins Gesicht geschrieben. Fragend hob Ezek eine Braue, doch der Kerl war schon wieder unter den restlichen Passagieren, die zur Ladeluke drängten verschwunden. Nur der Geruch nach ungewaschener Kleidung blieb Ezek kurz in der Nase, ehe er in der schlechten Luft des Transporters unterging. Er folgte dem Tross in Richtung der schweren Metalltüren, die sich langsam öffneten und dahinter einen kleinen Ankunftsraum freigaben.

Vor seinen Augen, am Rande seines Blickfeldes blinkte ein kleines, unscheinbares Symbol auf und verriet ihm so, dass eine neue Nachricht für ihn eingetroffen war. Im Gehen öffnete er sie. Die übliche Begrüßung auf dem Markt, eine kleine Übersichtskarte, die unveränderten Verhaltensregeln. Die Karte speicherte er ab, den Rest verwarf er gleich und der Fokus seiner Augen wanderte wieder auf den metallenen Boden über den seine Schritte ihn trugen. Die Abhandlung der Neuankömmlinge am Markt ging zügig voran, unter dem aufmerksamen Blick schwer gepanzerter und ebenso schwer bewaffneter Wachen. Er musterte die Gestalten in ihren Ganzkörperanzügen, die bis zum undurchsichtigen Helm hinauf komplett verschlossen waren. Hätte er nicht gesehen wie sich ihre Finger in den Handschuhen um den Griff ihrer Pulsnahgewehre bewegten hätte er sie für Maschinen gehalten. Selbst wenn er vielleicht zwei, drei von ihnen überwältigen konnte, war dahinter immer noch die Drohne, die sich mit ihren spinnenartigen Beinen regungslos an die Wand klammerte. Flinke Dinger, er konnte ein paar Vorgängerexemplare bei seinen Kriegseinsätzen beobachten. Wenn sie einen nicht mit dem automatischen Geschütz erwischten, dann mit einem kräftigen Sprung und messerscharfen Beinen, die sich gnadenlos in den Körper bohrten, immer wieder zustachen bis kein Zucken mehr ...

"Bitte geben Sie Ihre Waffe ab". Die Stimme des Marktangestellten riss ihn aus seinen Erinnerungen. Wie automatisch war er in der Schlange vor ihm vorgerückt und stand jetzt vor dem mit Sicherheitsglas geschützten Waffenreservoir des Marktes. Schnell klopfte er die Taschen seines Mantels ab. Eine Verlegenheitsgeste, schließlich hing sein Revolver wie immer in seinem Halfter an seiner linken Flanke, verdeckt unter dem dicken Stoff. Er griff hinein, fühlte den vertrauten Griff aus Holzimitat und zog ihn aus seiner Verwahrung. Er spürte ein leichtes Vibrieren durch die Waffe gehen und sein Implantat blendete ihm Ladestand des Pulsgenerators und verbleibende Munition ein. Etwas zögerlich legte er den Revolver in die Lade die sich vor ihm geöffnet hatte. Die Anzeigen verschwanden wieder. Seine Freunde hatten ihn für dieses Stück Nostalgie immer aufgezogen. Der geschwungene Griff, die dicke Trommel mit dem Hammer dahinter, der lange, große Lauf. Es hatte ihn eine ganze Menge Cell gekostet diesen Nachbau eines uralten, vergessenen Reliktes anfertigen zu lassen, einer Waffe, die er selbst nur aus Filmen, die noch aus Erdenzeiten stammten kannte. Verglichen mit anderen Pulspistolen war sie schwer und sperrig. Er hatte sich so an das Gewicht in seiner Hand gewöhnt, dass er der Waffe wehmütig nachblickte als sie mitsamt der Lade in der Wand verschwand. Ein Gefühl der Nacktheit machte sich in ihm breit.

Wenige Sekunden später betrat er den Markt. Die ersten Sekunden überwältigten seine Sinne. Ein ohrenbetäubendes Rauschen aus Gesprächen, Gelächter, surrenden und hämmernden Maschinen, dumpf klingender Musik und laut klingelnder Spielautomaten schwemmte über ihn hinweg wie eine Welle. Vor ihm schoben sich Menschenmassen durch die engen Gassen, die zwischen Verkaufsständen und Zelten führten. Drohnen trugen schwer beladen ihre Einkäufe hinterher. Bewaffnete Soldaten patroullierten dazwischen, schoben oft gröber als notwendig unachtsame Marktbesucher aus dem Weg, deren Beschwerden auf taube Ohren stießen. Er sah ausgestellte Waffen im Übermaß, von unscheinbaren Kleinkalibern, kunstvoll fabrizierten Ultrahochfrequenzmessern bis hin zu Schiffsgeschützen, Granatwerfern und anderen Ungeheuern denen selbst schwere Paramidenepanzer unterlegen waren. Wer einen Krieg auszutragen hatte, würde hier bestimmt finden wonach er sucht. Und hatte er genug Waffen, boten sich die zahlreichen Söldner in der anderen Ecke des Marktes für eine schlagkräftige Privatarmee an, für deren Transport man Schiffe in allen Größen erwerben konnte. Und wenn Geld keine Rolle spielte ließ sich sogar die eine oder andere Station im Gürtel um Taurus V organisieren. Wenn Geld keine Rolle spielte erfüllte der Markt alle Wünsche.

Mit jeder Sekunde verschwand der Lärm weiter in den Hintergrund, bis er ihn schließlich kaum noch wahrnehmen konnte. Die Worte "Audiofilter kalibriert" tauchte in seinem Sichtfeld auf, mit einem Gedanken schob er sie beiseite und öffnete stattdessen die Karte des Marktes. Eine rote Linie darauf wies ihm den Weg durch die engen Gassen zur gegenüberliegenden Seite, direkt zum Eingang der mietbaren Unterkünfte. Etwas Ruhe würde ihm nach der Reise gut tun, eine Dusche hoffentlich den unangenehmen Geruch des Shuttles aus seiner Nase verdrängen. Seinen Beutel fest an sich gedrückt mischte er sich ins Getümmel, da sah er es wieder. Den nervösen Mann mit dem silbernen Bügel über den Augen, in seinen Händen ein kurzes Gewehr. Ihm gegenüber ein bärtiger Händler mit zufriedenem Gesicht. Am Markt zählte nur das Geld, ob der Mann in seinem Zustand wirklich in den Besitz einer Waffe kommen sollte interessierte niemanden ging es Ezek durch den Kopf.

Plötzlich begann sich die Karte vor seinen Augen zu verzerren, sprang hin und her, leuchtete in bunten Farben die langsam verblassten als hätten sie sich in seine Netzhaut eingebrannt. Der Lärm des Marktes schwemmte wieder donnernd über ihn herein. Nein, nicht jetzt! Er presste seine Hände an die Schläfen, biss die Zähne zusammen. Als hätte sich eine Klinge durch seinen Nacken bis zu seiner Stirn gebohrt durchfuhr seinen Schädel stechender Schmerz der ihn in seine Knie zwang und es ihm schwarz vor Augen werden ließ. Nicht mal zwei Sekunden später war der Spuk schon wieder vorbei. Wie gewohnt stellte sich danach unangenehmes Kribbeln in seinen Gliedmaßen ein als alle seine Nerven gleichzeitig Signale an sein überfordertes Gehirn schickten. Er hob seinen Beutel vom Boden auf, zwang sich auf die Beine und beschleunigte mit gesenktem Blick seine Schritte durch die Menschen. Die Ruhe musste warten, erst musste er etwas erledigen. Bei der nächsten Gasse bog er von der rot eingezeichneten Route ab, die die Karte wieder vor seinem Blickfeld einblendete, als wäre nichts gewesen.