Teil 1 der Sammlung "Der Markt"

Nataljas Ankunft

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Sie schulterte ihre schwere Tasche und bückte sich unter der niedrigen Luke des Shuttles ins Freie. Die Schritte ihrer metallverstärkten Stiefel hallten noch durch das kleine Raumschiff, ehe sie von der ohrenbetäubenden Geräuschkulisse der Baustelle vor ihr übertönt wurden. Ein hektisches Treiben, das auf den ersten Blick wie wirres, unkoordiniertes Durcheinander wirkte. Menschen eilten hin und her, dicht an ihren Fersen transportierten automatisch gelenkte Fördergeräte Kisten voller Werkzeuge und Materialien, lange Stahlträger und Maschinen. Lautes Hämmern drang an ihre Ohren, Bohren und das helle Kreischen von Metall, durch das sich die hungrigen Zähne von Sägen fraßen. Die Antriebe von Schiffen, das Surren schwerer Maschinen und laut gebellte Befehle vervollständigten die Symphonie, die wohl nur in den Ohren einer Schiffsmechanikerin Freude hervorrufen konnte. Der schwere Geruch nach geschmolzenem Metall und Plastik drang in ihre Nase, während ihr sanfter Luftzug erfrischende Abkühlung nach der langen Reise im Shuttle brachte. Ihre Mundwinkel zuckten nach oben und sie blieb kurz auf der Rampe ihres Schiffs stehen.

Wie jedes Mal brauchte sie eine Weile um das Muster aus den Bewegungen der Arbeiter zu erkennen, doch nach und nach wurde es sichtbar. Niemand kam sich in die Quere, kein Schritt musste verlangsamt und keine Maschine plötzlich gestoppt werden. Jeder Griff war wie geplant, jedes Hämmern klang im Takt und jedes Fahrzeug fand sicher seinen Weg. Die Halle vor ihr war riesig und würde doch gerade so genug Platz für alles bieten. In der Entfernung konnte sie gerade noch erkennen wie Arbeiter sich mit Metallschneidegeräten weiter in das Schiff vorarbeiteten, einen Tunnel in den Metallkoloss trieben als wäre es ein Stollen in einem Berg. Riesige Wandstücke fielen durch die künstliche Gravitation zu Boden und brachten ihn zu beben. Die Geräusche waren sicher bis tief ins Innere des Raumschiffes zu hören. Ob dort jemand war, der diese auch wahrzunehmen vermochte wusste wohl niemand. Der Stahlkoloss, dessen Größe alles übertraf was die Menschheit je gebaut hatte war plötzlich in der Nähe von Taurus V aufgetaucht. Es war kein spektakulärer Auftritt, keine Explosion, kein helles Leuchten der wohl massiven Antriebssysteme. Keine Aliens, die die Menschheit mit wehenden Fahnen begrüßten. Vielleicht war gerade das der Grund für die große Skepsis, die die Menschen dem Schiff gegenüber brachten. Grund für die polarisierende Wirkung, die die eine Seite dazu brachte es als deutliche Bedrohung zu sehen, eine Bedrohung derer man am ehesten Herr wurde indem man sie zerstörte. Die andere Seite aber sah darin eine Chance, gar ein Geschenk, reich an Technologien und Wissen und der Möglichkeit, erneut zu den Sternen aufzubrechen und die Probleme ihrer Welt hinter sich zu lassen.

Nataljas Auftraggeber nutzten diesen durch endlose Diskussionen entstandenen Stillstand zu ihren Zwecken. Der Markt der Freihändler hatte seine nächste Bleibe gefunden, einen metallenen Tunnel, gegraben in die Hülle eines fremdartigen Metallleviathans. Hier würden sie wohl vorerst ungestört ihrem Handel nachgehen können, außerhalb der Sicht des Direktoriats und seiner Exekutive, im besten Falle in der Grauzone der Legalität. Man konnte Waffen, Rüstungen, Schiffe, ja, sogar ganze Stationen im Gürtel erwerben. Chirurgen operierten Kunden neueste Hardware unter die Haut, oder ersetzten gleich ganze Gliedmaßen durch synthetische. Die Ärzte stellten keine Fragen, was sich deutlich auf ihren Preis auswirkte. Viele Besucher nutzten den Markt aber auch zum Austausch von Informationen oder um ihr Netzwerk zu erweitern. Im Allgemeinen war es Neuankömmlingen angeraten, nicht zu viele Fragen zu stellen und sich an die wenigen Regeln zu halten die die Freihändler aufgestellt hatten. Besonders galt dies der Frage nach den Drahtziehern der Freihändler. Unter der Hand wurden natürlich wilde Theorien ausgetauscht, im Großen und Ganzen waren sich aber alle darüber einig, keine Ahnung zu haben. Die Freihändler tauchten aus dem Nichts auf, blieben für eine unbestimmte Zeit und verschwanden wieder. Alle Helfer erhielten knappe, verschlüsselte Nachrichten mit den notwendigsten Informationen und, wichtiger, zuverlässige Bezahlung, was für die meisten Grund genug darstellte, keine weiteren Fragen zu stellen.

Auch Natalja erreichte so eine Nachricht, keine drei Tage vor ihrer Ankunft auf dem Schiff. Seit gut zehn Jahren stellte sie ihre Dienste als erfahrene Schiffsmechanikerin zur Verfügung. Ihr Job war es, die Fertigungsanlagen des Marktes zu warten, die Reparatur von Schiffen zu koordinieren und unachtsame Besucher daran zu hindern, teure Gerätschaften durch Bedienfehler zu zerstören. Letzteres empfand sie als besonders anstrengend, nur knapp durch die Bezahlung entschädigt. Noch bevor die stämmige Frau ihren ersten Schritt von der Rampe auf den Schiffsboden setzen konnte erklang eine vertraute Stimme in ihrem Ohr. "Willkommen am Markt der Freihändler, Natalja. Dein Arbeitsplatz wird in wenigen Minuten für dich bereitstehen."